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Gedichte sind gute Freunde
Mögen Sie Gedichte? Ich persönlich betrachte sie als gute Freunde, als gesprächige, kostbare Lebensbegleiter. Gerade in der heutigen Zeit, die mit Informationen nur so um sich wirft, tut es mir gut, im Laufe des Tages bewusst einmal innezuhalten, mich an mein Bücherregal zu stellen und in aller Stille ein Gedicht zu lesen. Dem Augenblick ein Lächeln schenken, nenne ich das. Dabei bin ich entspannt und aufmerksam, mein Geist gesammelt und konzentriert. Lyrik sorgt für Entschleunigung. Sie hat eine beruhigende, retardierende Wirkung. Denn Gedichte wollen nicht hastig gelesen, in einem Rutsch runterbuchstabiert werden. Nein, sie ermuntern uns, sie Wort für Wort, Strophe für Strophe langsam und gern auch mehrmals zu lesen. Hilde Domin, diese kleine, so große Frau, deren Gedichte etwas so Mitreißendes, Aufrichtiges und Ermutigendes haben, spricht diesbezüglich von einer „Atempause im Handeln“. Was nichts anderes heißt als das wir beim Lesen eines Gedichts bei uns selbst ankommen. Nicht der schlechteste Weg, wie ich finde den wir während eines turbulenten Tages einschlagen können. „Worte sind Vögel / mit ihnen davonfliegen.“ (Domin)
Gedichte sind spirituelle Begleiter
Lyrik lesen, „das Gefieder der Sprache streicheln“, ist bedeutend mehr als nur ein ästhetisches Vergnügen. Schließlich betreten wir einen Raum, wie Rainer Maria Rilke es formuliert, in dem das Unaussprechliche eine Form findet und das Unsichtbare sichtbar wird. Gerade in Zeiten, in denen wir uns wenig getragen fühlen, nach Halt und Trost suchen, vielleicht eine gute Portion frische Hoffnung brauchen, gerade in diesen Zeiten kann ein Gedicht eine Möglichkeit sein, uns spirituell wieder anzubinden. Damit meine ich, in Kontakt mit unserem Schöpfer zu treten. Letztlich fragte mich jemand nach meiner kürzesten Formel für Glauben. Und mir fiel spontan nur das Wort „Unterbrechung“ ein. Dieses Heraustreten aus dem Alltag in die Sphäre des Göttlichen. Ein Schritt, ein „Sprung“, wie der Philosoph Sören Kierkegaard es nennt, bei dem Lyrik uns helfen kann. Nehmen wir das Gedicht „Gebet“ von Mörike. Ein säkulares Gebet, in dem es heißt:
„Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus deinen Händen quillt.“
Oder Rose Ausländer. Eine, die mit ihrem Wort „verlobt“ ist, ihm „Treue geschworen“ hat:
„Erbarme dich
Herr
meiner Leere
Schenk mir
das Wort
das eine Welt
erschafft.“
Gedichte sind treue Gefährten
Gedichte erlauben uns, in Resonanz mit dem „UrDU“, dem „Urgrund allen Seins“ zu gehen. Sie haben das Zeug, Gefühle und Gedanken auf eine Weise zu vermitteln, die über jede rationale Argumentation hinausgeht. Lyrische Bilder – wie Hilde Domins: „eine Rose als Stütze“ oder „Ich setzte den Fuß in die Luft / und sie trug“ – können uns mehr sagen und uns tiefer berühren als seitenlange philosophische Abhandlungen über Vertrauen. Solch wunderbare Metaphern, sprachliche Bilder, die mit poetischem Flügelschlag daherkommen, sind wie Brücken zwischen uns und dem Transzendenten, zwischen dem Individuellen und dem Universellen. Gedichte laden uns ein, eine tiefere Verbindung zu uns selbst herzustellen, und damit auch zu dem, der uns trägt. In einer Zeit verlustiger Glaubenssysteme kann Lyrik vielleicht sogar eine neue Form der Spiritualität bieten – eine, die sich an der Kraft des Wortes entzündet. Öffnen wir uns also der Schönheit und Tiefe der lyrischen Sprache, betrachten wir Gedichte als treue Gefährten, und lassen wir aufrüttelnde Worte wie die von Hilde Domin mit uns gehen:
„Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.“

Vielen Dank, liebe Petra, für die berührenden Worte zu Lyrik.
Besonders Hilde Domins unvergessliche Gedichte sind wunderbare Begleiter durch die Zeit.
Dankeschön!
Beste Grüße
Anette