Text lieber hören,
Text als Audiodatei
Engelsgeschichten
Für meine Großmutter gehörten Engel ganz selbstverständlich zu ihrem Glauben. Weshalb sie uns Kindern, meinem Bruder und mir, vor dem Schlafengehen gern Geschichten von diesen Himmelsboten erzählt hat. Im Gegensatz zu meinem Bruder, den das langweilte, habe ich gern zugehört. Und ich habe bis heute das Gefühl nicht vergessen, das sich mir damals eingeschrieben hat. Das Gefühl: Du bist wertvoll. Du bist behütet. Du bist geliebt.
Engel sind in vielen Traditionen und religiösen Erzählungen ein Symbol der Hoffnung, des Friedens und der Liebe. Weshalb sie, wie ich finde, gut in die Vorweihnachtszeit passen, wo sie uns helfen können, die Vorfreude und den Zauber zu verstärken. Und deshalb gibt’s von mir heute zwei Geschichten, in denen Engel die Hauptrolle spielen.
Der Schwebende
Unlängst hatte ich eine Begegnung in Güstrow, die immer noch nachwirkt. Ich war auf der Durchreise, mit nur wenig Zeit im Gepäck, wusste aber, dass es ihn dort zu entdecken gibt.
Und so hielt ich an und eilte zum Dom, wo er hängt, besser gesagt, wo er schwebt, der welt-berühmte Engel von Ernst Barlach, „Der Schwebende“. Der Dom zu Güstrow empfängt mich mit einer Höhe, die mir regelrecht den Atem raubt. Gotischer Backsteinbau, erklärt mir die freundliche Dame am Eingang. Und kaum bin ich eingetaucht ins Dämmer des riesigen Gotteshauses, entdecke ich auch schon einige seiner wertvollen Kunstschätze, nur den Engel sehe ich nicht.
Die freundliche Dame scheint diesen suchenden Blick bereits zu kennen und weist mir ganz selbstverständlich den Weg. Aber was, in drei Gottes Namen, soll ich in dieser Ecke dort hinten, diesem dunklen Versteck? Und während ich dem Fingerzeig folge und mich noch immer wundere, ist er plötzlich da, schwebt direkt auf mich zu, durch alle Enge, alle Finsternis hindurch. Die Ketten, die ihn halten, scheinen völlig überflüssig zu sein, so schwerelos, so mühelos gleitet er durch das Gewölbe, als würde ihn die Luft auf Händen tragen.
Aber ungeachtet aller Leichtigkeit ist er ein Schwergewicht aus Bronze, ein mächtiger, straff gestreckter Körper, eingehüllt in ein fließendes Gewand, eine zweite Haut, die ihn schützend umgibt. Die Arme hält er vor der Brust verschränkt, die Hände an die Schultern geschmiegt. Er ist ganz bei sich, Ausdruck höchster Konzentration. Seine Augen sind geschlossen. Und doch ist er ein Sehender. Ein zeitlos Sehender, der immer schon lautlos durch diese Welt zu schweben scheint. Ganz verinnerlicht, ganz fühlend kommt er mir vor. Ein Schweigender, der dennoch spricht. Und je tiefer ich in seine Stille, seine sanfte Engelsgeduld hinein sinke, umso intensiver spüre ich seine Botschaft in mir klingen und nachklingen. Ganz eindeutig, er ist ein Verkünder der Liebe. Ein Fürsprecher des Lebens.
Ernst Barlach hat ihn einst als Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges gestaltet.
Dieser „Schwebende“, der nicht Mann, nicht Frau, nicht alt, nicht jung ist, verkörpert im Angesicht des grausamen, unsagbaren Leids von Menschen an Menschen, zeitlose, ewige Liebe. Biblische Worte aus dem Hohen Lied fallen mir ein: „Sein Zeichen über mir heißt Liebe.“
Mit schwebender Leichtigkeit hat er die Verbindung hergestellt. Er, der Mittler zwischen Himmel und Erde hat mich hineingenommen in die Liebe des Allerhöchsten. Eine Liebe, in die wir selbstverständlich alle hineingenommen sind, und aus der wir – Gott sei’s gedankt! – auch niemals wieder herausfallen können. Eine Liebe, die sich wie das schützende Gewand des Engels ums uns legt, die wir aber leider nicht immer so hautnah spüren, wie wir es vielleicht gerade brauchen. Und doch ist die da.
Der Bote
Er kam um die Mittagszeit. Und obwohl er von erstaunlicher Größe war, blieb er lange Zeit unbemerkt. Auch ich hatte seinetwegen nicht aufgeschaut. Die Hitze jenes Tages verbot jede überflüssige Bewegung. Sie brütete über der Stadt wie eine fette aufgeplusterte Henne und hatte alles Leben unter sich einschlafen lassen. Ich saß in dem kleinen Café am Marktplatz. Saß in meinem Korbstuhl, ließ den Milchkaffee achtlos auf dem Tisch stehen und döste mit geschlossenen Augen in der Sonne. Am Nebentisch redete noch jemand. Ganz leise zwar, aber immerhin. Dann schwieg auch er. Stille. Nichts als Stille. Keine Schritte auf den Pflastersteinen, kein Kindergeschrei vom Brunnen herüber, keine Fahrradklingel. Noch nicht einmal das Bellen eines Hundes. Die Welt lag im Tiefschlaf. In diese heiße drückende Stille hinein erschien er. Lautlos wie ein Lichtstrahl, unsagbar anmutig und von bezaubernder Schönheit. Ich hatte die Augen geöffnet, weil jemand gelacht hatte. Und tatsächlich: Da war er! Nicht zu übersehen. Gemächlich schwebte er durch das Blau des Himmels, die Ruhe selbst, als sei er auf der Durchreise und doch auch schon am Ziel, weil im Augenblick Zuhause. Er berührte mich, ohne mir nah zu kommen, weckte in mir jene Freude, die einen mitunter ganz unvermittelt ergreift und dabei so wunderbar weit und selig macht, dass man jubilieren und die Welt umarmen möchte wie ein Kind. Er war ein Bote. Kein Zweifel. Ein himmlischer Bote mit Flügeln und kleinen dicken Füßchen, die fröhlich hinter ihm herflogen. Ein Wolkenengel. Von höchster Stelle geschickt, um die müden Geister auf dem Marktplatz ein wenig aufzumischen. Und genau das tat er. Denn er zauberte ein Lächeln in die Gesichter der Menschen.
Schlusswort: Einst werde ich liegen / im Nirgend / bei einem Engel / irgend.“ Paul Klee
